Gibt es bald mehr Antworten als Fragen? – Jürgen Kaube & Jörn Laakman (Hrsg.): Das Lexikon der offenen Fragen

Die Herausgeber unterscheiden im Vorwort drei Arten von Fragen: die eine Art kann durch technische oder wissenschaftliche Erkenntnis beantwortet werden. Als Beispiel wird die Frage nach dem Funtionsprinzip eines Dosenöffners genannt und darauf verwiesen, dass die Komplexität der Frage nur in der Vielzahl unterschiedlicher Dosenöffner besteht.
Interessant wird es bei der zweiten Gruppe von Fragen, weil man ihnen ansieht, dass sie nicht gelöst werden können. Es handelt sich um „unendliche Aufgaben“, so der philosophische Terminus für die Tatsache, dass Wissenschaft nicht einfach nur eine Handlungskette ist, die irgendwann mit einer letzten gelösten Frage zum Ende kommt. Als berühmtes Beispiel wird Kants Frage „Was soll ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen – und was ist der Mensch?“ genannt.
Eine dritte Gruppe von Fragen liegt genau zwischen den ersten beiden Gruppen. Einige Spezialisten ihrer Fachgebiete versuchen im vorliegenden Band Antworten darauf zu finden. Die Fragen werden in weitere Fragen zergliedert, die ihrerseits Fragen aufwerfen und im Zusammenhang mit den Antworten darauf wieder zu weiteren Antworten führen. Das ist Wissenschaft.
Unter den 115 Fragen und Antworten findet jeder Leser seine Lieblingsfrage, davon zeigen sich die Verleger überzeugt.
Dirk Vaihinger erhebt die banale bis nervige Kinderfrage „Wann sind wir endlich da?“ zur Wissenschaft, indem er sie mit den Ansichten von Heidegger und Konfuzius verbindet. Andere Fragen, wie die nach der Vernünftigkeit von Losentscheidungen werden mit Gegenfragen beantwortet.
Ein Highlight ist Christoph Heyls Antwort auf die Frage zur Digitalisierung „Wie lesen wir morgen?“. Der Professor für Britische Literatur und Kultur geht davon aus, dass durch die Digitalisierung und die Suche nach Stichwörtern die Basis der Geisteswissenschaften, das Gelesene schwindet. Er spricht auch von einem neuen Verständnis von Wissen: es gehe heute eher darum, punktuell etwas „aus dem Netz“ (S. 55) zu ziehen statt es sich in einem Prozess der Auseinandersetzung anzueignen. Er wirbt dafür, dass diese Verarmung, die die digitale Revolution mit sich bringe, in einer interdisziplinären Debatte Antworten auf diese Herausforderung zu suchen habe.
Für Bücherwürmer ist Jürgen Mittelstrass‘ Frage „Warum noch Lexika?“ von Interesse: Auf einer halben Seite beschreibt er, dass das Wissen heute in Form von Bits und Bytes ins Haus kommt, aber kein Autor oder Herausgeber mehr dafür einsteht. Das bekannteste Beispiel dafür ist Wikipedia. Eine Abwandlung des eingangs zitierten Heideggerzitats verwendet Anselm Doering-Manteuffel, um die Frage „Was ist Zeitgeschichte?“ zu beantworten. „Wer bin ich, wo komme ich her, wo gehe ich hin?“ ist die Kurzformel dafür, dass wir selbst ein Teil der Zeitgeschichte sind und
Ob es in der Philosophie „(nicht nur) offene Fragen gibt“ erklärt übrigens Gottfried Gabriel auf Seite 67. Der Band zeigt auf unterhaltsame Weise, wie in der Philosophie gefragt, gedacht undzu antworten versucht wird. Das Lexikon der offenen Fragen eignet sich zum Beispiel als Nachtlektüre für Leser, die sich vor dem Schlafengehen noch einen kleinen Happen Futter für die grauen Zellen einverleiben möchten. Die wenigsten Fragen kommen aus dem Dosenöffnerbereich, sondern aus den Bereichen der offenen Fragen, die die Philosophie ausmachen.


Kaube, Jürgen; Laakmann, Jörn: Das Lexikon der offenen Fragen. Stuttgart: Metzler 2015. 202 S., Hardcover.

Weitere Besprechung:

Ijoma Mangold in der Zeit am 8.10.2015

Leseprobe: Warum arbeiten wir so viel? von Wolfgang Streeck auf seinem Blog wolfgangstreeck.com

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